Das BMIMI/ffg-Leitprojekt KRAISBAU arbeitet entlang einer dreistufigen Datenkaskade, die Materialflüsse quantifizieren, Bauteilzustände bewerten und Kreislaufwirtschaftsindikatoren berechnen soll. Damit möchte das Konsortium einen Beitrag zum Lückenschluss zwischen LCA-Standards und operativer Zirkularität leisten.

Text FH-Prof. Dr.techn. Anna-Vera Deinhammer, Stiftungsprofessorin FHWien der WKW / Vizepräsidentin Circular Economy Forum Austria, Projektleitung BMIMI/ffg Leitprojekt KRAISBAU, 27.01.2026

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Hintergrund

Vier Fragen entscheiden über die Kreislauffähigkeit eines Gebäudes: Was ist verbaut? In welchem Zustand befindet es sich? Wie sind Elemente, Produkte und Materialien miteinander verbunden? Und was bedeutet das für den Lebenszyklus? Die europäischen Ökobilanzierungsnormen EN 15804 und EN 15978 beantworten keine dieser Fragen hinreichend – ihr Fokus liegt auf Umweltwirkungskategorien wie GWP, AP oder EP, nicht auf Zirkularitätsparametern (Van Gulck, Wastiels und Steeman 2022; CEN 2019; CEN 2011). Ohne diese Datengrundlage bleiben Entscheidungen über Umnutzung versus Rückbau spekulativ.

Dabei wäre Klarheit dringend geboten: Nach aktuellen UNEP-Daten entfallen auf den Gebäudesektor 32 Prozent des globalen Energieverbrauchs und 34 Prozent der energie- und prozessbezogenen CO₂-Emissionen (UNEP und GlobalABC 2024). Die Europäische Kommission schätzt, dass etwa die Hälfte aller weltweit extrahierten Materialien in den Bausektor fließt (European Commission o.J.). Die Ressourcen sind also verbaut – wir wissen nur nicht, wo genau, in welcher Menge und in welchem Zustand.

Dieser methodischen Lücke widmet sich unter anderem das BMIMI/ffg-Leitprojekt KRAISBAU (2024–2028) mit 32 Partnern entlang der Wertschöpfungskette im Bau.

Die KRAISBAU-Datenkaskade

Aus eineinhalb Jahren Projektarbeit kristallisiert sich ein konzeptioneller Rahmen heraus, der die methodischen Ansätze des Projekts in eine logische Abfolge bringt: eine dreistufige Datenkaskade, die von der Quantifizierung über die Zustandsbewertung zur Lebenszyklusbewertung führt – und damit datenbasierte Planungsentscheidungen freischalten soll.

Stufe 1: Quantifizierung – „Was ist da?“

Die erste Stufe beantwortet die Frage nach dem Materialbestand. Mittels Materialflussmodellierung auf Regions- und Bezirksebene werden Sekundärmaterialpotenziale im österreichischen Gebäudebestand quantifiziert. Die Methodik kombiniert Bottom-up- und Top-down-Ansätze: Gebäudearchetypen werden mit tatsächlichen Baurestmassendaten validiert, um flächendeckende Aussagen über verfügbare Ressourcen zu ermöglichen. Die Federführung liegt bei Fraunhofer Austria Research in Zusammenarbeit mit der TU Wien.

Stufe 2: Zustandsbewertung – „Wie gut ist es noch?“

Während Stufe 1 die Verfügbarkeit klärt, beschäftigt sich Stufe 2 mit der qualitativen Performance als Voraussetzung für hochwertige Reuse-Szenarien. Zentral ist der Aufbau einer Degradations-Datenbasis gemäß ISO 15686, die physische Schadensbilder mit spezifischen Restnutzungsdauern korreliert. Für die Schlüsselmaterialien Beton, Stahl, Holz und Mauerwerk werden Einflussfaktoren systematisch erfasst, um ein Deep-Learning-basiertes Modell zur prädiktiven Zustandsbewertung zu trainieren. Die BOKU Wien validiert hierfür innovative NDT-Verfahren (Near-Infrared-Spektroskopie und Ultraschall), um Materialkennwerte direkt am Objekt zerstörungsfrei zu erheben. Dies bildet die datentechnische Grundlage für Design-for-Reuse-Konzepte (Task 4.4), indem die technische Gewinnbarkeit und der Rückbauaufwand objektiv bewertbar werden.

Stufe 3: Lebenszyklusbewertung – „Was bedeutet das im Lebenszyklus?“

Die dritte Stufe integriert die gewonnenen Daten in etablierte Bewertungsrahmen. Das Institut für industrielle Ökologie (IIÖ) entwickelt gemeinsam mit der TU Graz einen „Circular Economy Calculator“, der Kreislaufwirtschaftsindikatoren berechnet: den Material Circularity Indicator (MCI) nach der Methodik der Ellen MacArthur Foundation (Ellen MacArthur Foundation und Granta Design 2019), Indikatoren zur Rückbaufähigkeit sowie den an der BOKU entwickelten Zirkularitätsfaktor ZiFa (Kromoser et al. 2024). Die Anbindung an die EU-Taxonomie ermöglicht die Verknüpfung mit regulatorischen Anforderungen.

Entscheidungsunterstützung für die Bauwende

Die Kernherausforderung moderner Bestandsentwicklung liegt im Abwägen zwischen dem Erhalt grauer Energie und der Wirtschaftlichkeit des selektiven Rückbaus. Wo liegt der „Break-Even“, an dem der ökologische Vorteil der Wiederverwendung die höheren Demontagekosten rechtfertigt?

Diese Entscheidungslücke wird derzeit durch die methodische Kopplung von Zustandsdaten und Lebenszyklusanalysen geschlossen. Am Reallabor der Pioniergarage Salzburg wird erprobt, wie hochauflösende digitale Bestandsaufnahmen diese Kalkulation absichern können. Um diesen systemischen Wandel von der Nische in den Standard zu überführen, setzt das Konsortium auf einen radikalen Open-Knowledge-Ansatz: Die Ergebnisse fließen direkt in die Konzeption und das „Rapid-Prototyping“ skalierbarer Schulungsprogramme, Bau-Coachings und Factsheets für die gesamte Wertschöpfungskette.

Ausblick

Die methodische Erkenntnis ist klar: Die EN 15804 ist notwendig, aber nicht hinreichend für eine operationalisierte Kreislaufwirtschaft (Van Gulck et al. 2022). Die Datenkaskade liefert den komplementären Bewertungsrahmen, der für fundierte Entscheidungen im Gebäudebestand zwingend erforderlich ist. KI-gestützt und digital skaliert, transformieren wir so die aktuelle Datenlücke in einen belastbaren Industriestandard für zirkuläres Bauen.

Weiterführende Informationen

  • KRAISBAU-Projekt: www.kraisbau.at
  • Circular Economy Forum Austria: www.circulareconomyforum.at
  • FHWien der WKW, Stiftungsprofessur Sustainable Real Estate Development

Weiterführende Informationen

KRAISBAU-Projekt:
www.kraisbau.at

Circular Economy Forum Austria:
www.circulareconomyforum.at

FHWien der WKW,
Stiftungsprofessur Sustainable Real Estate Development

Quellen

CEN – European Committee for Standardization (2011) EN 15978:2011 – Sustainability of construction works – Assessment of environmental performance of buildings – Calculation method. Brüssel: CEN.

CEN – European Committee for Standardization (2019) EN 15804:2012+A2:2019 – Sustainability of construction works – Environmental product declarations – Core rules for the product category of construction products. Brüssel: CEN.

Ellen MacArthur Foundation und Granta Design (2019) Circularity Indicators: An Approach to Measuring Circularity – Methodology. Cowes: Ellen MacArthur Foundation. Verfügbar unter: https://www.ellenmacarthurfoundation.org/material-circularity-indicator (Abgerufen: 27.01.2026).

European Commission (o.J.) Buildings and construction. [Online]. Verfügbar unter: https://single-market-economy.ec.europa.eu/industry/sustainability/buildings-and-construction_en (Abgerufen: 27.01.2026).

ISO – International Organization for Standardization (2011) ISO 15686-1:2011 – Buildings and constructed assets – Service life planning – Part 1: General principles and framework. Genf: ISO.

Kromoser, B., Hammerl, M., Camargo, I., Bankl, V., Klammer, M., Amler, F. et al. (2024) Orientierungsleitfaden Zirkularitätsfaktor ZiFa 1.0: Entwicklung von Bewertungsparametern für kreislauffähiges Bauen und Sanieren. Wien: Magistratsdirektion, Geschäftsbereich Bauten und Technik. Verfügbar unter: https://www.wien.gv.at/spezial/studien/mdbd/orientierungsleitfadenzirkularitaetsfaktor2024.pdf (Abgerufen: 27.01.2026).

UNEP – United Nations Environment Programme und GlobalABC – Global Alliance for Buildings and Construction (2024) Global Status Report for Buildings and Construction 2024/2025: Not just another brick in the wall. Nairobi: UNEP. Verfügbar unter: https://www.unep.org/resources/report/global-status-report-buildings-and-construction-20242025 (Abgerufen: 27.01.2026).

Van Gulck, L., Wastiels, L. und Steeman, M. (2022) ‚How to evaluate circularity through an LCA study based on the standards EN 15804 and EN 15978‘, The International Journal of Life Cycle Assessment, 27(12), S. 1249–1266. doi: 10.1007/s11367-022-02099-w.